Die Bekämpfung der Digitalen Hyperkeratose im RZV der Kromfohrländer
 

von Inga Becker

Was versteht man überhaupt unter dem Begriff "Digitale Hyperkeratose" oder "Corny feet", wie diese Erkrankung immer wieder genannt wird?
Bei der Digitalen Hyperkeratose (kurz DH genannt) handelt es sich um eine schwerwiegende Hornbildungsstörung. Die Erkenntniss, dass es sich um eine hereditäre, also erbliche Erkrankung handelt, ist noch gar nicht so alt. Am Krankheitsbild Interessierte finden umfangreiche Informationen auch im Internet, in Fachbüchern und hier:
Für Vereinsmitglieder wurden Merkblätter zu verschiedenen Krankheitsbildern verfasst, darunter die DH. Diese Merkblätter sind jedem Vereinsmitglied im passwortgeschützten Bereich der Homepage des RZV zugänglich und sind auch Bestandteil des Leitfadens für Erstzüchter. In den Ausgaben 02-2005 und 03-2005 unserer Vereinszeitschrift WUFF wurde auf den Seiten des SKC ausführlich die verschiedenen Erkrankungen und Veränderungen an den Pfotenballen des Hundes text- und bildlich erklärt. Als wichtigsten Beitrag schrieb Frau Susanne Rudek-Vennefrohne (damals unsere beratende Tierärztin) ihre Dissertation im Jahr 2003 an der Tierärztlichen Hochschule Hannover zum Thema: "Das Auftreten der Digitalen Hyperkeratose bei einer jungen Hunderasse, dem Kromfohrländer". Im weiteren Text werde ich noch darauf eingehen.
Es sei auch auf die interessanten Ausführungen des Vereinsmitgliedes Britta Schmidt mit Ailin "Amelie" von Villa Mondi in deren Homepage (siehe "Gesundheit") hingewiesen. Anschaulich und mit sehr guten Abbildungen wird hier diese Krankheit dargestellt.
Doch bis über dieses insgesamt seltene Krankheitsbild Klarheit herrschte, das übrigens auch beim Irish-Terrier, Kerry-blue-Terrier, Labrador und bei der Bordeaux- Dogge (Quelle: Dissertation Rudek-Vennefrohne) vorkommt, war es ein langer Weg.
Mein Mann und ich wurden mit dem Erwerb unserer ersten Kromihündin, Assja vom Bienenstück, im Jahr 1991 Mitglieder im Verein. Assja war Vererberin der DH, wie ich heute weiß. Von ihren vier Würfen waren zwei betroffen. Schon im ersten Wurf trat ein sehr schwerer Fall auf, dem ich damals völlig ahnungslos und voller Entsetzen gegenüberstand. Die Beschäftigung mit dieser Krankheit brachte mich dann hauptsächlich dazu, im Verein Verantwortung als Zuchtwart und schließlich als Mitglied im Zuchtausschuss zu übernehmen.
Meine Hündin selbst war gesund und auch über die Paarungspartner weiß ich nichts Gegenteiliges. Es herrschte ganz einfach noch Unkenntnis über die grundsätzliche Vererblichkeit und das Erscheinungsbild der DH. Gesunde Paarungspartner hatten plötzlich kranken Nachwuchs, aber leider gingen eben aus Unkenntnis über das Erscheinungsbild und die Vererblichkeit in den vergangenen Jahrzehnten auch kranke Tiere in die Zucht. Nur langsam änderte sich in den neunziger Jahren die vorherrschende Meinung, es läge eine gelegentliche Störung vor, die durch Mangelerscheinungen oder als Folge anderer Erkrankungen hervorgerufen würde.
Der erste Schritt war, eindeutig erkrankte Tiere von der Zucht auszuschließen. Um einen höheren Wissensstand zu erreichen, wurden die Pfotenkontrollen bei Veranstaltungen des RZV und bei Wanderungen eingeführt. Der Start der großen Umfrageaktion im Jahr 2000 brachte dann die Wende. Die Offenheit, mit der uns Erkrankungen mitgeteilt wurden, ließ uns zwar einerseits heftig zusammenzucken, wer züchtet schon gerne kranke Tiere, aber andererseits konnten wir nun endlich eine vernünftige Zuchtstrategie aufbauen. Das soll heißen, alle Paarungsauflagen bezüglich DH entsprachen fortan einer praktisch durchgeführten Zuchtwertschätzung. Vererber dürfen nicht mit bekannten Vererbern verpaart werden. Tiere mit erkrankten Geschwistern dürfen nicht mit Tieren aus ebenfalls betroffenen Würfen verpaart werden. Erkrankte Tiere verlieren ihre Zuchtzulasung oder werden nicht angekört; dies ist der beste Weg, da eine Erkrankung an DH sich bereits vor dem Köralter zeigt.
Die oben erwähnte Dissertation von Frau Rudek-Vennefrohne mit der umfangreichen Untersuchungsaktion an 80 Tieren gab uns die entscheidende Sicherheit in der Aussage, dass für DH eine Vererblichkeit vorliegt und dass der Erbgang hochwahrscheinlich autosomal rezessiv ist. Auch die hier vorgenommene Graduierung in vier Schweregrade zeigte auf, dass nicht nur die ganz schweren Fälle von der Zucht ausgeschlossen werden müssen. Zitat aus der Dissertation: "Aufgrund der in der untersuchten Population der Kromfohrländer unterschiedlich starken Symptomatik der digitalen Hyperkeratose, könnte vermutet werden, dass entweder mehrere Gene diese Krankheit beeinflussen oder auch bisher unbekannte Umwelteinflüsse eine Rolle bei der Ausprägung des Schweregrades spielen". Mit diesem Interpretationsspielraum müssen wir vorerst leben, und danach handeln. 2001 startete die Zuchtleitung des RZV gemeinsam mit Dr. Claude Schelling von der Uni Zürich, den Versuch anhand von Blutproben einer speziell ausgesuchten Gruppe von Kromfohrländern, einen Genmarker für DH zu finden. Leider führte die Untersuchung zu keinem verwertbaren Ergebnis. Die erforderliche Heterozygotie lag nach Aussage Dr. Schelling bei den untersuchten Kromfohrländern nicht vor.
Doch haben die bisher ergriffenen Maßnahmen "Gott sei Dank" dazu geführt, dass immer weniger Würfe mit erkrankten Tieren fallen (siehe Statistik) . 2005 waren von 43 eingetragenen Würfen drei betroffen mit vier der 252 gefallenen Welpen dieses Jahrgangs. 2004 war nur ein Wurf von 36 eingetragenen Würfen mit zwei der 188 gefallenen Welpen betroffen.
Diese Zahlen beruhen auf unserem Kenntnisstand 12/2006. Eine Alterspenetranz, wie bei der Epilepsie, ist hier nicht zu beachten, da sich die Symptome im ersten Lebensjahr zeigen. Eine kleine Restunsicherheit kann eigentlich nur durch das Nichterkennen der leichten Form entstehen.
Darum die umfangreiche Aufklärung. Aber wie es bei rezessiv vererbten Krankheiten nun mal ist, vor traurigen Überraschungen ist man nicht 100%-ig geschützt. Es ist jedenfalls unseriös, heute zu behaupten, man hätte das alles schon viel früher erkennen können. Sogar viele Tierärzte standen diesem Krankheitsbild völlig ratlos gegenüber und rieten allenfalls zu einer Zink-Therapie und zum Eincremen der Pfoten. Als betroffener Züchter weiß ich wirklich, wovon ich rede. Es gibt auch Hyperkeratotische Veränderungen, die andere Ursachen haben, aber die DH ist heute diagnostisch abgrenzbar.
Kämpfen wir also weiter an dieser Front und lassen wir uns nicht beirren. Frau Dr. Eichelberg (Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des VDH und Vorsitzende der GKF) sprach dem Vorstand und der Zuchtleitung bei unserem Gespräch in Dortmund 2006 jedenfalls ein großes Lob für die vorgenommenen zuchtlenkerischen Maßnahmen und die bisher erreichten Erfolge aus.
 

Inga Becker - Zuchtwart-
  aus wuff 1/2007

24.03.2007