Hundeerziehung: 
Mit liebevoller Konsequenz geht (fast) alles!

Von Ute Rott

Mein Hund Fritzi (Diddl von der Zolltafel) hat mich ganz toll erzogen: Immer wenn wir spazierengehen, und er läuft voraus, bleibt er stehen, dreht sich um und schaut mich an. Dann muss ich auch stehen bleiben, in die Hände klatschen und laut und begeistert rufen: Komm, mein kleiner Schatz! Und schon kommt er zur Belohnung angerannt und wir fallen uns um den Hals. Aber was hat das mit Hunde-erziehung zu tun, weil in diesem Fall fragt man sich ja schon, wer folgt da wem? 
Zu unserer großen Freude spielt der Hundesport für Kromibesitzer eine immer größere Rolle, wie man an den Beiträgen über Agility und THS in den letzten wuff-Ausgaben sehen konnte. Auch die z.T. sehr erleichtert klingenden Berichte über erfolgreich bestandene Begleithundprüfungen lesen wir sehr gerne. Zeigt es doch, dass Kromibesitzer die Erziehung ihrer Hunde nicht auf die leichte Schulter nehmen, Hundeschulen besuchen und ihrem Hund ein aktives und hundegerechtes Leben ermöglichen. Vielen wird es so gegangen sein wie uns: man will einfach einen Hund haben, der einigermaßen gut folgt, und bis man sich umschaut, ist man schon voll integriert in Training, Turniere, Prüfungen. Und das macht so viel Spaß, dass man zwecks Konditionssteigerung frühmorgens zum Joggen geht und bald mehr am Hundeplatz als Zuhause anzutreffen ist.
Jetzt ist es aber nicht jedermanns Sache, zu regelmäßigen Trainingsterminen zum Hundeverein zu gehen, auch ist die Unterordnung, die für BH, THS und Agility erforderlich ist, sehr zeitaufwendig. Aber der Hund sollte natürlich trotzdem folgen. Da gibt es viele gescheite Bücher, mit denen man gut arbeiten kann, z.B. das „Kosmos Erziehungsprogramm für Hunde“.
Fritzi von der ZolltafelDenn zunächst einmal steht jeder Erstkromibesitzer diesem entzückenden Wesen ziemlich hilflos gegenüber, ganz egal wie viele Hunde er vorher hatte und was auch immer er sich vorgenommen hat. Schaut der süße Kleine nicht aus wie schneeweißes Baiser mit gesponnenem Zucker verziert? Und ist es nicht rührend, wie er einem nachrennt und um Aufmerksamkeit bettelt? Ist es nicht goldig, wenn er den Vögeln hinterdrein hopst und sie mit seinem lustigen Welpenstimmchen verbellt? Tja, und dann wird das süße Zuckerstückchen größer, kommt in die Hundepubertät und meint, es ist Chef von Welt und allen umliegenden Dörfern. Spätestens dann fällt einem ein, dass es sowas wie eine Hundeschule gibt. Ich will nicht sagen, dass es dann schon zu spät ist. Aber schwierig wird’s auf alle Fälle. 
Denn die Pubertät kommt auch bei erzogenen Hunden und auch der super erzogene Hund findet es in dieser Zeit großartig, Jogger, Radlfahrer, evtl. auch Autos und Tiefflieger zu jagen, er versucht sich zu entziehen und uns dazu zu bringen, ihm nachzulaufen, wenn wir ihn z.B. anleinen wollen, usw. usw., Sie wissen selbst alle, wie kreativ die herzigen Zuckerstückchen sind. Und Kromis sind nicht ohne. Phantasievoll und intelligent wie sie sind, fällt ihnen immer was neues ein. Bei Rüden kommt noch dazu, dass sie in dieser Zeit ihr Revier und die Mädels entdecken und sich ihren Platz in der Welt sichern wollen. Frau Böer (Zwinger vom Isarflimmern) hat mir bei unserem Telefonat, als wir vor Jahren auf Kromisuche waren, folgende Weisheit mitgegeben, die ich schon oft und vielfach bestätigt gefunden habe: Kromirüden haben alle einen Bernhardiner im Kopf! Welch wahres Wort!
Was also soll man tun, wenn unser Liebling sich anderen Hunden gegenüber wie ein Bestie gebärdet, alles Bewegliche jagt, den Gehorsam verweigert? Zunächst einmal bitte Ruhe bewahren. Überlegen Sie sich als erstes, was Sie falsch gemacht haben. Jeder gute Hundesportler, egal in welcher Sportart, wird Ihnen sagen können, dass Fehler, die die Hunde machen, immer Fehler vom Hundeführer sind. 
Und damit nicht alles Theorie bleibt, hier ein paar Tipps. Das A und O im Zusammenleben mit dem Hund ist die Bindung zwischen Ihnen und Ihrem Hund. Was tun Sie, um die zu festigen? Bekommt Ihr Hund bei jeder Gelegenheit, was er will? Zuwendung, Spiel, Aufmerksamkeit, Leckerli? Auch wenn Sie gerade keine Zeit und Lust haben? Glauben Sie, wenn Sie ihm nur jede Liebe erweisen, wird er Sie schon lieben? Heißer Tipp: wenn er wieder versucht, Sie zu irgend etwas zu animieren, ignorieren Sie ihn. Schieben Sie ihn weg - und wenn Ihnen das Herz bricht! Erst wenn Sie den Zeitpunkt für richtig erachten, spielen Sie mit ihm, geben ihm sein Leckerli, seine Streicheleinheiten. Anfangs wird er das gar nicht gut finden, aber mit der Zeit wird er sich über Ihre Zuwendung sehr viel mehr freuen.
Und wie konsequent sind Sie im Umgang mit ihm? Lassen Sie ihn einfach machen oder bestehen Sie darauf, dass er macht, was Sie wollen? Bei allem was Sie tun, überlegen Sie sich, ob das tatsächlich Sie entscheiden oder ob der Hund schon entschieden hat, z.B.: Sie gehen spazieren und der Hund läuft in eine andere Richtung als Sie, weil Sie dort letzte Woche schon mal waren oder sein Lieblingsfeind / freund dort wohnt, was auch immer. Laufen Sie ihm nicht nach und lassen Sie ihm nicht seinen Willen. Drehen Sie sich um, wenn er Sie nicht mehr sehen kann, rufen Sie ihn und gehen Sie einen anderen Weg, den Sie gehen wollen.
Wie setzen Sie Ihre Befehle durch? Haben Sie für eine Aktion mehrere Befehle, z.B. komm her, hier, hierher, jetzt komm endlich.... und wenn er nicht folgt, na dann halt nicht, oder sagen Sie jedesmal das gleiche und das womöglich auch noch im gleichen Tonfall? Ein Hund kann durchaus verschiedene Befehle für eine Sache erlernen und dadurch verstehen, ob es dringend ist oder nicht, z.B. „Platz“ = der Hund legt sich sofort und ohne zu zögern dorthin, wo er gerade steht oder geht, und steht erst wieder auf, wenn es ihm erlaubt wird, oder „leg dich hin“ = er kann sich einen bequemen Platz suchen und wenn er ohne Erlaubnis wieder aufsteht, passiert nichts. Wichtig ist, dass er erst einen Befehl lernt und zwar den schärferen, und wenn er den beherrscht, dann kann man für bestimmte Situationen auch eine leichtere Variante einführen. Dabei ist es völlig egal ob Sie „Platz“ sagen oder „Schoko-ladenkuchen“. Hauptsache, Sie sagen immer „Schokoladenkuchen“ wenn er „Platz“ machen soll. 
Wenn Ihr Hund nicht zu Ihnen kommt, um sich anleinen zu lassen, müssen Sie sich sehr genau überlegen, warum er das nicht tut. Haben Sie ihn aus Versehen einmal getreten, mit der Leine erwischt oder was auch immer getan, das bei ihm die Verbindung „zum Fraule / Herrle kommen = unangenehm, weil...“ erzeugt hat? Waren Sie inkonsequent, haben Sie ihn in Ruhe gelassen, weil er gerade keine Lust hatte? Haben Sie ihn nicht genug gelobt? Leinen Sie ihn nur an, wenn z.B. ein anderer Hund kommt, den er gerne zerlegen möchte, empfindet er also das Anleinen als Strafe? Oder ist das „Herankommen“ bei Ihnen ein lustiges Spiel: Sie rufen und laufen ihm nach und er rennt begeistert davon? Mit einigem guten Willen kommt man schon drauf. Auf jeden Fall sollte das Herankommen und Anleinen immer (!immer!) eine wunderbare und großartige Aktion für den Hund sein. Und es ist für jeden Hund eine zwingende Notwendigkeit, es zu lernen. Das kann überlebensnotwendig sein! Loben Sie ihn überschwenglich, wenn er kommt, geben Sie ihm ein Leckerli, spielen Sie mit ihm, an der Leine oder ohne, auf jeden Fall muss er wissen, dass es bei Ihnen immer großartig ist. Rufen Sie ihn einfach so, machen Sie eine Olympiade der Begeisterung daraus, wenn er folgt und lassen Sie ihn wieder laufen. So lernt er, dass Herankommen eine feine Sache ist und keine Bestrafung. 
Dann ist es für ihn auch wesentlich leichter, Dinge zu lassen, die Sie nicht wollen. Denn das müssen Sie natürlich auch tun: ihm unmissverständlich mitteilen, welches Verhalten unerwünscht ist, z.B. Jogger jagen, andere Hunde anfegen, als Erster durch alle Türen drängeln. Sagen Sie ihm, was Ihnen nicht passt, und zwar so, dass er es versteht. Also nicht: Lieber Fiffi, würdest Du bitte...., sondern: Pfui ist das! - in scharfer Tonart. Kromis sind ja zu unserem großen Glück nicht nur lernfähig, sondern auch lernwillig. Sie wollen eigentlich alles richtig machen und darum dürfen Sie nicht die Geduld verlieren, wenn das am Anfang nicht so ganz toll klappt. Oder haben Sie nach dem ersten Jahr Englisch lernen Shakespeare zitiert? Wenn Ihr Hund erst mal kapiert hat, was Sie von ihm wollen, dann werden Sie sehen, wie begeistert er bei der Sache ist. Er wird zwar seinen Erzfeind nicht wirklich lieben, aber ruhig an ihm vorbei gehen.

Und damit wären wir wieder bei der (wahren) Geschichte vom Anfang. Unterordnung oder Gehorsam, wie auch immer Sie es nennen wollen, ist für den Hund die natürlichste Sache der Welt, weil er dann seinen Platz im Rudel kennt. Drill ist etwas Grausames, das weder Mensch noch Hund erfreut. Zur Hundeerziehung braucht man Liebe, Geduld, Vertrauen und Konsequenz. Wenn man dann noch gute Bücher und ein paar vernünftige Leute (Züchter, Hundebekanntschaften, Hundeverein, Hundeschule) kennt, kann man im Laufe der Zeit auch ohne sportlichen Ehrgeiz seinem Hund eine ganz Menge beibringen. In allen Hundesportarten, bei denen Unterordnung wichtig ist, Schutzhundesport (VPG), THS oder Obedience, ist eines der wichtigsten Kriterien die freudige Arbeit des Hundes. Und die Richter nehmen das ernst. Damit sich der Hund aber freut, müssen Sie sich auch freuen, weil er es so schön macht, weil er es richtig macht, weil er es noch nie so toll, so schnell, so begeistert gemacht hat. Freuen Sie sich mit ihm laut und deutlich, wenn er etwas gut ausführt, er wird es immer wieder gut machen, weil er Ihnen gefallen will, weil er dann einen Grund zum Hüpfen und für Kromigaudi hat. Denn Lob ist nicht einfach das Weglassen von Tadel oder Strafe, sondern gelobt haben Sie Ihren Hund dann richtig, wenn er begeistert wedelt, hüpft und Sie anlacht. Es ist auch nicht so ganz furchtbar wichtig, dass er alles exakt laut Prüfungsordnung erledigt.
Er wird es Ihnen mit viel Liebe und gutem Gehorsam danken.

Ute Rott, Schliersee 24. April 2003

   (aus wuff 2/2003)

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