Bei uns war gerade das große Abschiednehmen angesagt - Emmas neun Kinder verließen uns in ihr neues Zuhause - da bekam ich einen Brief zu oben genanntem Thema auf den Schreibtisch. Frau Gisela Kurfess berichtete mir über ihre fünfjährige Daika vom Kahlharz, die ganz außerordentliches Talent auf diesem Gebiet hat. Vor ungefähr drei Jahren wurde im wuff schon einmal über eine Begegnung von Daika mit einem behinderten Kind berichtet; schon im Alter von 1½ Jahren zeigte Daika eine ungewöhnliche Einfühlsamkeit.
In diesem neuen Brief erzählt Frau Kurfess nun von der Beziehung zu einer neunzigjährigen Dame, die von ihr betreut wird. Die Dame ist durch eine Erkrankung an Parkinson sehr in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt und liegt viel. Daika geht nun ganz unkompliziert und aufgeschlossen auf die Patientin zu und zeigt ihr immer wieder ihre Zuneigung, was beiden sichtlich gut tut.

Obwohl die Hündin beim Spiel ein recht temperamentvoller Hund sein kann, ist sie hier ganz sanft und rücksichtsvoll, wie es eben die Situation der Patientin erfordert. Nun möchte ich nicht soweit gehen, den Kromfohrländer grundsätzlich als Therapiehund zu empfehlen. Da werden doch noch andere Maßstäbe angelegt. Ein Therapiehund muss immer wieder neuen, unbekannten Patienten gelassen und bedingungslos freundlich begegnen. Ungewöhnliche Stresssituationen angst- und aggressionsfrei aushalten zu können, dazu gehört schon eine große Wesensfestigkeit und gewiss auch Nervenstärke. Daran müssen wir in unserer Rasse bestimmt noch etwas arbeiten. Aber wie dieser Fall (und bestimmt nicht nur dieser) zeigt, kann der Kromfohrländer Einzelpersonen gegenüber in hohem Maße einfühlsam und anpassungsfähig sein. Und die Wesensfestigkeit gehört ja sowieso zu den Idealzielen jeder Rassehundezucht. Mit der Zuchtauswahl gehen wir konsequent in diese Richtung. Doch genauso wichtig ist die Prägephase des ersten Lebensabschnittes.
Vielleicht weil auch ich gerade wieder diese wichtige Zeit der Welpenprägung hinter mir hatte, berührte mich dieser Brief besonders. Gerade bei unseren sensiblen Hunden sind die Züchter gefordert, schon bei den Welpen einen stabilen Grundstein für das spätere Sozialverhalten zu legen. Es ist mir ein großes Anliegen, gerade den Neuzüchtern ihre Verantwortung klar zu machen. Wenn die Welpen unser Haus verlassen, geben wir noch keine Sporthunde oder Zuchthunde oder Ausstellungshunde ab, sondern in erster Linie soziale Wesen, die früh gelernt haben müssen, sich problemlos in ihre neue Umgebung zu integrieren.
Daran muss man vom ersten Tag an arbeiten. Immer wieder neue Menschenkontakte und immer wieder neue Umgebungsreize sind elementar wichtig, damit die Kleinen lernen, sich schnell auf Neues einzustellen ohne Angst zu entwickeln. Es ist tatsächlich ein hartes Stück Arbeit, Welpen immer wieder etwas Neues zu bieten und sie an unbekannte Situationen heranzuführen, aus denen sie dann als stolze Helden hervorgehen, weil sie eben gelernt haben, ihre Angst zu überwinden. Aber das ist die Mühe wert! Das freundliche Wesen, Einfühlungsvermögen und ein stabiler Charakter machen eine Mensch-Hund-Beziehung wertvoll und nicht nur das fotogene Gesicht. Alles andere - Ausstellungs-, Zucht- und/oder Sporterfolge - können dann nachkommen. Und warum nicht auch Therapieerfolge mit kranken und behinderten Menschen? Ich denke, unsere Hunde stecken da noch voller Überraschungen. Vielleicht hat der Eine oder Andere etwas Ähnliches zu berichten. Das würde mich freuen.
Inga Becker
(aus wuff 1/2002)