Umdenken in der Hundezucht 

von  Dr. Sigrun Bennemann

Ich möchte aus dem Artikel "Kommt der ‚Biohund ’?" von Dipl. Ing. Dr. rer. nat. tech. Hellmuth Wachtel (Wien) referieren, der im Buch "Das Buch vom Hund ” erschienen ist  und eine gute Zusammenfassung der neuesten Erkenntnisse der Populationsgenetik darstellt. Dr. Wachtel gilt als bedeutender Kynologe und hat sich seit mehr als 20 Jahren intensiv mit der Genetik des Hundes beschäftigt. Die Ansichten von Dr. Wachtel können sicher sehr anregend sein zu einer Diskussion über Hundezucht. 

Kurz noch zuvor zur Begriffsklärung: 

  • Heterozygotie bedeutet erbliche Variabilität oder hohe Gemischterbigkeit 
  • Homozygotie ist die Reinerbigkeit 
  • polygenes Erbleiden heißt, dass die Erkrankung durch mehrere Gene bestimmt wird 
  • Kynologie ist die wissenschaftliche Lehre von den Hunden

In der Tierzucht besinnt man sich nach Meinung von Dr. Wachtel auf alte, naturverbundene Haustierrassen, und auch in der Hundezucht und -haltung gibt es Tendenzen 


Das Buch vom Hund. 
Die Symbiose zwischen Hund und Mensch
von Hellmuth Wachtel
Cadmos-Verlag
29,90 Euro

zum Mischling oder zur Naturzucht. Aber nicht Mischlinge sind die Lösung, sondern der heterozygote (genetisch vielseitige) Rassehund. Denn auch Mischlinge leiden unter denselben Krankheiten wie hochgezüchtete Rassehunde. Das sei kein Wunder, denn wohl werden Mischlinge meist vitaler sein, aber da sie ja auch nur aus hochgezüchteten, daher oft mit Erbkrankheiten behafteten Hunden entstehen, wird häufig das eine oder andere, vor allem polygene Erbleiden nicht mehr durch die Kreuzung ausreichend dominant überdeckt, also hat dann auch der Mischling dieses Leiden, besonders, wenn es auch durch Umwelteinflüsse ausgelöst wird, die ja beim Mischling durch die meist schlechtere Haltung eher eintreten. Auch der Mischling ist nicht mehr das, was er war, als die Basispopulation der Haushunde aus Landschlägen bestand, die eine große Erbvariabilität aufwiesen.

Der "Biohund" ist nach Meinung von Dr. Wachtel etwas, was es noch nicht gibt, nämlich den bewusst wieder auf hohe Heterozygotie (erbliche Variabilität) und damit Vitalität, Langlebigkeit und Leistung gezüchtete Rassehund. 

Die genetische Isolierung, die bei einer Linienzucht stattfindet, bezeichnet Dr. Wachtel als Wurzel des Übels. Der so wichtige genetische Austausch innerhalb der Spezies "Haushund” wurde dadurch weitge-hend unterbunden, wenn wir von den Mischlingen absehen (aus denen gelegentlich auch noch Rassen wurden, siehe Kromfohrländer, Eurasier, usw. ).
 
Die Hundezucht hat sich gegenüber der Nutztierzucht völlig gegensätzlich entwickelt. Bei der Nutztierzucht wurden zunächst auch Rassen gezüchtet, dann aber die verschiedenen Rassen gekreuzt, um bessere Leistungen zu erzielen. Dr. Wachtel stellt dar, dass diese Kreuzungen ganz extrem heterozygot sind, d. h. dass an sehr vielen Genorten verschiedenartige Genpaare (Allele) vorhanden sind. Dadurch ist der Organismus dieser Tiere besonders gut befähigt, auf Umweltreize biologisch optimal zu reagieren, ob es sich um die Verwertung der Nahrung, die Widerstandsfähigkeit gegen Krankheitserreger, Hitze, Kälte, Leistung usw., kurz alle Anforderungen des Lebens handelt. 

Bei den Hunden jedoch stand, abgesehen von den Gebrauchshunderassen (und öfters auch nicht einmal bei diesen), nicht irgendeine Leistung, sondern eben das, was als Schönheitsideal betrachtet wird, also der Formwert bzw. der Standard im Vordergrund. Es wurde also Inzucht weiter betrieben. Die frühere Meinung, Inzucht plus Selektion auf Gesundheit sei unschädlich, hat sich aber als schwerer Irrtum erwiesen, denn multifaktorielle Erbkrankheiten, polygene Erbleiden und Defektgene treten so im Gegensatz zu einfach rezessiven Erbfolgen nicht ans Tageslicht und werden im Gegenteil immer mehr angehäuft. 

Als vor einigen Jahren ein Wissenschaftler in Holland anregte, man solle doch nach dem Beispiel der Nutztierzucht auch beim Hund Kreuzungen durchführen, erntete er empörte Kommentare. Inzwischen aber sind die Rufe nach einer Trendwende in der Kynologie unüberhörbar geworden, wenn man auch die Rassen ganz gewiss nicht aufgeben kann und will. Man muss die Heterozygotie, soweit irgend möglich, züchterisch eben innerhalb der Rassen erreichen, so betont Dr. Wachtel. Von den etwa dreißigtausend Genen des Haushundes beeinflussen wir bei der Zucht auf Formwert vielleicht dreißig. Liegen diese durch intensive Selektion und Linienzucht homozygot vor, sehen die Zuchtprodukte einheitlich "rassetypisch” aus. . Allerdings haben wir dabei auch unvermeidlich viele andere Gene, die damit nichts zu tun haben, auch in die homozygote Form gebracht, und darunter befinden sich nun viele schädigende Allele, seien es solche von Erbkrankheiten einfach rezessiver, vor allem aber polygener Natur (wie z. B. HD) oder auch "nur” solche, die die Vitalität, Fruchtbarkeit, das Wachstum, das Wesen, bei Gebrauchshunden die Leistung und Widerstandsfähigkeit usw. beeinträchtigen. Als besonders verheerend erweist sich die Verwendung von zu wenig Deckrüden, denn die so genannte "genetisch effektive Population ” ist nämlich nie größer als viermal die Zahl der Rüden, auch wenn diese noch so viele Hündinnen decken. Mit anderen Worten: das Genmaterial kann nicht genügend durchmischt werden, wenn immer der gleiche Vater eingesetzt wird. 

Nach einer französischen Untersuchung leiden bereits 20%der Rassehunde unter Erbkrankheiten. Als Gegenmaßnahmen schlägt Dr. Wachtel folgende Maßnahmen vor: 
  • Je nach Größe der Population einer Rasse muss die maximale Zahl der Würfe nach einem Rüden drastisch reduziert werden. 
  • Nur solche Partner sind zu paaren, die ein Minimum an gemeinsamen Ahnen im Stammbaum (im Idealfall: gar keine! ) aufweisen. 
  • Wenn nötig muss man Haar- und Farbvarianten einer Rasse wieder einkreuzen.
  • Import von Rüden oder deren Samen aus Gebieten, wo die Zucht sich bereits länger verselbständigt hat und damit blutsfremder geworden ist vornehmen. 
  • Ist eine Rasse sehr selten geworden und ihre Erbgesundheit alarmierend bedroht, wird man sich in Zukunft weniger scheuen dürfen, eine nahverwandte Rasse einzukreuzen. 
  • In bestimmten Fällen die Stammbücher wieder öffnen, d. h. z. B. stammbaumlose, aber im Exterieur entsprechende Tiere unter bestimmten Kriterien zu registrieren. 
  • Gegen verschiedene Erbkrankheiten gibt es heute bereits Gentests, so dass man viele direkt durch Ausschluss der Defektträger oder auch Paarung derselben mit defektgenfreien Hunden bekämpfen kann. 

Der Rassehund ist heute nicht nur durch die verschiedenen Erbkrankheiten bedroht, sondern auch durch die Inzuchtdepression, die die Widerstandskraft, Fruchtbarkeit, Lebensdauer, Leistungsfähigkeit usw. vermindert. Der Immungenkomplex MHC, der uns vor Tausenden verschiedener Krankheitserreger schützen kann, wird nicht nur in seiner Funktion beeinträchtigt, sondern spielt auch in manchen Rassen zunehmend "verrückt", d. h. es treten verstärkt Autoimmunkrankheiten auf.

Im Artenschutz hat man heute Methoden entwickelt, um gefährdete Tierarten vor dem Aussterben durch genetische Verarmung zu schützen. Solche Methoden stünden nun auch der Hundezucht zur Verfügung. Man kann einerseits mit dem Computer berechnen, wie man die genetischen Anteile der ursprünglichen Stammtiere einer Rasse erhält, oder jene Tiere ermitteln, die mit der übrigen Population am wenigsten verwandt sind oder seltene genetische Kombinationen aufweisen. Solche Individuen haben, wenn sie auch anderweitig zuchttauglich sind, einen besonderen Wert für die Rasse. Auch durch DNA-Studien kann man wertvolle Hinweise erhalten. 

Eine Hunderasse ist nach Meinung von Dr. Wachtel als eigenständiges Lebewesen zu betrachten, das besonders durch zu kleine Populationen und zu wenige Zuchttiere, besonders Rüden, bedroht ist. Wer seinen Championrüden voll Stolz unbegrenzt Hündinnen decken lässt, schadet der Rasse, denn dessen unvermeidliche Defektgene verbreiten sich und können so im schlimmsten Fall das erzeugen, was man euphemistisch "Rassendispositionen" zu dieser oder jener Krankheit nennt. Daneben aber steigt im schlimmsten Fall der Inzuchtkoeffizient der Rasse, da die Nachkommen alle mindestens Halbgeschwister sind. Dieses Vorgehen aber ist unverantwortlich, denn eine Hunderasse ist ein Gemeingut, das ein Züchter sozusagen treuhänderisch für seine Ziele benützt, und möglichst in gleicher Qualität an die Nachwelt vermitteln müsste. Wenn man die Auffassungen von Dr. Wachtel auf unsere Rasse der Kromfohrländer anwendet, ist zunächst einmal festzustellen, dass das Erbgut viel zu gering ist, da die Zucht letztendlich auf nur drei Tiere zurückzuführen ist (Urpeter, Fifi und Elfe). Dass bisher nicht noch mehr Erbleiden aufgetreten sind, hängt mit hoher Wahrscheinlichkeit damit zusammen, dass die drei Urelterntiere eine gut durchmischte Erbsubstanz (Heterozygotie) aufwiesen (es ist anzunehmen, dass sie mindestens zum Teil Mischlinge waren). Zunächst war die Rasse in den Anfängen der Zucht deshalb wohl auch robust und ohne Krankheiten. 

Dies musste sich aber mit fortgesetzter Inzucht ändern. Eine Fremdeinkreuzung erscheint meiner Meinung nach heute dringend notwendig zu sein. Der RZV hat dazu ja bereits eine Arbeitsgruppe eingerichtet. Die äußeren Abweichungen wie schwarzweiße Fellfarbe, zu langes Fell, unregelmäßige Gesichtsmasken usw. sollten bei der Körung nicht automatisch zum Ausschluss von der Zucht führen,
da eine hohe Variabilität im Aussehen eine Heterozygotie der Gene insgesamt bedeuten könnte. Man müsste sogar noch einmal überdenken, ob man in Zukunft wirklich streng nach den beiden Schlägen glatte und rauhaarige Kromfohrländer züchten will oder ob man zu einer besseren Durchmischung des Genmaterials wieder Kreuzungen vornimmt. Außerdem wären Informationen über den Einsatz von geeigneten Gentests erforderlich. 


  aus wuff 4/2006
22.10.2006